Hömma, Kate

Von Thomas Hüetlin, April 2017 (Germany)


DER FOTOGRAF PETER LINDBERGH HAT NAOMI CAMPBELL, KATE MOSS UND VIELE ANDERE ZU STARS GEMACHT, ABER ER IST EIN HARTER KRITIKER VON JUGENDKULT UND PERFEKTIONSBESESSENHEIT. EIN TREFFEN AUF IBIZA. Ein kalter Wind bläst über die grünen Felder von Ibiza. Peter Lindbergh trägt ein T-Shirt und hat einen Schnupfen. Gestern Abend, sagt er, habe er zu lange draußen gesessen. Es hatte neun Grad, aber zu einer Jacke konnte man Lindbergh nicht überreden. Es ist so eine Sache mit Ibiza. Die Insel lockt mit dem süßen Leben. Aber das süße Leben ist auch Stress. Das süße Leben auf Ibiza, das bekannt ist für seine Strände und das blaue Wasser, noch mehr aber für seine Nächte, symbolisieren vor allem jene zwei Kirschen, die für das Pacha stehen. Seit Jahrzehnten ist es der berühmteste Klub der Insel, eine fein geschliffene Nachtlebenmaschine. Tausende Gäste sehnen sich dort weg von den normalen Tanzflächen. Hin zu jenem vermeintlich magischen Bereich, wo die wirklich Auserwählten feiern. Die Berühmten. Die NaomiCampbells-KateMoss-PuffDaddys dieser Welt. 2500 Euro mindestens für einen Tisch – um ein paar Minuten den Stars nahe zu sein. Peter Lindbergh kennt sie alle. Er fährt mit seinem klapprigen alten Range Rover an einer Plakatwand vorbei, die für den Klub wirbt. „Hömma, ich war da vor 35 Jahren zum letzten Mal drin“, sagt Lindbergh. Hömma. Lindbergh wuchs grauen Straßen von Duisburg. Er mag einer der bekanntesten Fotografen der Welt sein. Aber er klingt wie Schimanski. Fällt ein Laden wie das Pacha nicht gewissermaßen in seinen Zuständigkeitsbereich? Schließlich hat Lindberg mit seinen Bildern und Images den weltweiten Aufstieg von NaomiLindaKate und wie sie alle heißen mitzuverantworten. „Nö“, sagt Lindbergh. Ihm grause vor solchen Orten. Auch auf einer Modenschau sei er seit 20 ~~Jahren~~ nicht mehr gewesen. >Lindbergh hat den Aufstieg des Mode- und Modelphänomens von einer Randerscheinung zu einer Mainstream-Kultur begleitet und befördert. Eine Anzeigentafel wirbt für den DJ Sven Väth, der die Saison über auf Ibiza Exzesse feiert und sich dann, wenn der Herbst kommt, zurückzieht und in Asien die Gifte aus dem Körper massieren lässt. Lindbergh drückt aufs Gas. Er will weg von den Anzeigentafeln. Einen grünen Berg hinauf. Auf der Spitze steht Lindberghs Haus. Gebaut Anfang der Neunzigerjahre, als er von der Zeitschrift „Harper’s Bazaar“ für zwölf Geschichten im Jahr einen siebenstelligen Dollarbetrag bekam und mit der Concorde zur Arbeit flog. Lindberghs linke Hand hält das Steuer. Die Fingernägel sehen zerschunden aus. „Alle abgekaut“, sagt Lindbergh und hält zum Vergleich die rechte Hand hoch. Die Nägel wirken ebenfalls mitgenommen, sind aber etwas länger. „Das Kauen setzt automatisch ein, wenn ich nicht arbeite.“ Seine Mutter wollte, dass er Fliesenleger wird, ein solider Beruf. Er ist auf Ibiza, um Urlaub zu machen. Drei Tage. Das ist lang für den 72-Jährigen. Lindbergh ist seit mehr als 30 Jahren einer der gefragtesten Fotografen weltweit, er hat den Aufstieg des Mode- und Modelphänomens von einer Randerscheinung zu einer Mainstream-Kultur begleitet und befördert. Er kennt die Zeiten, als Models noch so viel verdienten wie Stewardessen und nicht zur Kaste der Privatjet fliegenden Superreichen gehörten. Idole der Massen, deren Vorstellungen von Schönheit in Fernsehshows und auf Instagram inzwischen Millionen Frauen folgen. Aber Lindbergh ist auch einer der ungeniertesten Kritiker dieser Kultur des Messens, Hungerns, Zurechtschminkens und Operierens. „Fürchterlich“, nennt er die immer neuen Versionen von Modelshows in den Massenmedien. „Die ganze Sexy-Kultur ist eine Katastrophe. Ich finde es saublöd, wenn Frauen in High Heels und Bikinis gezeigt werden.“ >Seinem Blick auf die Schönheitsindustrie haftet die existenzielle Kraft von Werken wie Fellinis „La Strada“ und Fritz Langs „Metropolis“ an. Ansichten dieser Art sind kein wohlfeiler Luxus, den sich Lindbergh leistet, jetzt da er wohlhabend und berühmt ist. Vertreten hat er diese Auffassung von Anfang an. Sie hat ihn früher Jobs und Aufträge gekostet, aber durch sie wurde er, wie nun in einer großen Ausstellung in der Münchner Kunsthalle zu sehen ist, zu einem echten Künstler in einem Genre, das in den meisten Fällen zu gnadenloser Oberflächlichkeit verführt. Nicht so Lindbergh. Seinem Blick auf die Schönheitsindustrie haftet die existenzielle Kraft von Werken wie Fellinis „La Strada“ und Fritz Langs „Metropolis“ an. Seine Vision hat dabei stets etwas Zerbrechliches, seine Models wirken immer ein wenig einsam, gefangen in einem Kokon aus Melancholie und Vergänglichkeit. ~~Fast immer~~ sind es Frauen. >Für Lindbergh ist Modefotografie vor allem Porträtfotografie. Wenn Männer in seinen Bildern auftauchen, dann meist in Form von Außerirdischen und Aliens. Merkwürdige Wesen, die Weiblichkeit ausspähen und bedrohen. Lindbergh, das wird klar, wenn man die Münchner Ausstellung und das vor Kurzem erschienene Buch des Taschen Verlags „A Different Vision on Fashion Photography“ (472 Seiten, 59,99 Euro) betrachtet, will diese Mädchen und Frauen beschützen. Seine Waffe ist die Kamera. Die Kleidung, die mit seinen Fotos beworben werden soll, tritt bei Lindbergh in den Hintergrund bis zur Grenze der Unkenntlichkeit. Ihn interessiert nicht, wie er sagt, „ob die Röcke in diesem Jahr kürzer werden oder man wieder große Taschen auf die Mäntel näht“. Für Lindbergh ist Modefotografie vor allem Porträtfotografie, und seine natürlichen Gegner am Set sind Friseure und Visagisten. Oft genug schon hat Lindbergh eigenhändig das Make-up aus den Gesichtern von Kate Moss und Linda Evangelista wieder weggewischt. Mit dieser radikalen Haltung, vor allem aber mit den Bildern, die aus dieser Methode entstanden sind, wurde Lindbergh über die Jahre ein Lieblingsfotograf der Models. Bei ihm fühlen sie sich in Sicherheit. Er, so sehen sie es, beginnt mit ihnen einen Dialog, er nähert sich ihnen wie Musen, benutzt sie nicht wie ein Voyeur. Er liefert das Gegenteil jener marktschreierischen Pin-up-Inszenierungen, wie sie etwa das texanische Model Anna Nicole Smith in den Neunzigerjahren unter- nehmen musste, als sie für den Jeanshersteller Guess als blondes Marilyn-Monroemäßiges Busenwunder ausgestellt wurde. Als Lindbergh mit ihr arbeitete, zeigte er sie als eine Art verlorenen Zirkusclown, Bombshell Tristesse. Eine tragische, eher empathische Sicht auf Smith, die Mitte der Neunzigerjahre im echten Leben einen 89-jährigen Milliardär heiratete, sich nach dessen baldigem Tod jahrelang mit seiner Familie vor Gericht um Geld stritt und im Jahr 2007 an einer Überdosis Medikamente starb. Im Grunde weist Lindberghs Blick immer jenseits von all dem Brimborium, das die Modeindustrie der Welt aufschwatzen will, hin zur ungeschminkten Kreatürlichkeit. Wie auf dem legendären Foto, das er 1988 in Santa Monica, Kalifornien, schoss. Nach langen Versuchen hatte man ihn bei der amerikanischen „Vogue“ überzeugt, doch einmal für sie zu arbeiten. Perlenturbane reicher Frauen, die im Bentley auf der Fifth Avenue chauffiert würden, seien nicht sein Ding, hatte Lindbergh gesagt. Mach, was du willst, hatte ihm der damalige weltweite Koordinator von Condé Nast, Alexander Liberman, geantwortet. Also machte Lindbergh. Bestellte sechs junge Frauen an den Strand in Santa Monica, fotografierte sie mit wenig Tamtam, nur im weißen Herrenhemd und mit einer ~~Pazifikbrise im Haar.~~ Stirnrunzeln und kein Kommentar in der Konzernzentrale in New York. Das Foto verschwand in der Schublade, sinnlos, undruckbar. Zwei Jahre später erschien es unter der Regie der neu gekrönten „Vogue“-Chefin Anna Wintour als das wichtigste Foto der Neunzigerjahre. Das war schön, aber nur Triumph Nummer eins. Triumph Nummer zwei war, dass drei dieser jungen Frauen auf dem Bild Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Christy Turlington hießen. Unter dem Schlagwort „Supermodels“ mischten sie danach die Glamourindustrie auf, für ein paar Jahre übernahmen sie die Macht. Männer wie John Casablancas, Chef der wichtigsten Agentur Elite, fluchten. Linda Evangelista nörgelte bald, dass sie unter 10 000 Dollar morgens nicht mehr aus dem Bett steigen werde, ein Satz, der mächtig Empörung hervorrief. „Hömma“, sagt Lindbergh, „10 000 Dollar war schon damals nur Kleingeld für die.“ Der Fotograf ist nun an seinem Haus auf dem Berg angekommen. Man hat einen weiten Blick über Ibiza von hier oben, unten glitzern das Meer und auf dem terrassenförmigen Hang ein sehr langer Swimmingpool, aber Lindbergh verschwindet schnell im puebloartigen Arbeitsanbau, wo Seiten des Pirelli-Kalenders von diesem Jahr herumliegen. >„Die Jungs in den Schaufenstern von Karstadt, das war für mich die Kulturspitze der Avantgarde.“ Normalerweise darf ein Fotograf nur zweimal im Leben diesen prestigeträchtigen Kalender fotografieren, der nicht käuflich zu erwerben ist und an rund 20000 Kunden weltweit verschenkt wird. Es ist Lindberghs dritter Pirelli-Kalender. Es wurde eine Ausnahme gemacht für ihn. Wieder einmal. Seine Idee: „Lasst uns etwas tun gegen den Terror der Schönheit. Etwas gegen den Terror der Perfektion und Jugend heute.“ Der Pirelli-Kalender war eigentlich im- mer eine Art Edel-Pin-up für ältere Herren in den Führungspositionen der Industrie. Er sollte sich abheben von der derben Ware, die in Autowerkstätten über dem Waschbecken hing. Die Frau als verfügbares Objekt männlicher Libido wie das Auto, das war, bis auf den Kalender von Annie Leibovitz im vergangenen Jahr, stets der Subtext für das Geschenk des Reifenherstellers. Eine imaginäre Lustreise für die Chefetage. Peter Lindbergh bricht ziemlich radikal mit dieser Tradition. Er darf es. Dass er es darf, zeigt seine Macht. Er ging durch seine Adresskartei und nahm Kontakt mit Schauspielerinnen auf. Die wichtigste Voraussetzung: Richtig jung sollten sie nicht mehr sein. Lindbergh blättert durch den Kalender, bleibt hängen bei der Oscarpreisträgerin ~~Kate Winslet.~~ „Wahnsinnig tolle Frau“, sagt er, „wunderbar auch ihre Hände.“ Dann erzählt er, dass Winslet sich oft beklagt hätte, weil die britische Zeitschrift „GQ“ ihren damals erst 27-jährigen Körper digital so bearbeitet hatte, dass er wesentlich schlanker aussah. Lindbergh blättert weiter. Julianne Moore, ebenfalls Oscarpreisträgerin. Sie ist mit einigermaßen großen Poren auf dem Gesicht abgelichtet. In Asien halte man solche Fotos für völlig krank, sagt Lindbergh. Hat er denn gar nichts wegretuschiert? „Doch, doch“, sagt Lindbergh und holt sein Notebook mit den Originalen hervor. „Hier die Falten über dem Mund und die zwei Beulen zwischen den Augen“, die hätten die Agenten von Moore sicher niemals durchgehen lassen. Aber er sei trotzdem sehr liebevoll mit dem Gesicht von Moore umgegangen. Bildredakteure bei normalen Hochglanzzeitschriften würden es einfach „plattmachen“, sagt Lindbergh, jede Falte elektronisch wegbügeln. Und die Leserinnen in Moores Alter schauten dann zu Hause in den Spiegel, zögen falsche Vergleiche und verzweifelten. Schließlich Nicole Kidman, ebenfalls Oscargewinnerin. Sie steht ganz vorn im Kalender, aber weil Lindbergh hinten angefangen hat, kommt sie erst jetzt. Ausgerechnet Kidman in einem Kalender, der sich über den Terror von Perfektion und Jugend empört. Kidman, die viel Spott auf sich gezogen hat, weil sie durch eine Schönheits-OP derart verfremdet wurde, dass einige Leute Schwierigkeiten hatten, Supermodels am Strand von Santa Monica, Kalifornien, 1988, Schauspieler Eddie Redmayne 2011, Choreografin Pina Bausch 1996 Keine Objekte, keine Kompromisse sie nach dem Eingriff wiederzuerkennen. Nun hat er sie so fotografiert, als hätte sie nie eine Operation gehabt. Nicht schneewittchenhaft. Nicht glatt. „Das ist ja der Witz“, sagt Lindbergh. „Ich fand sie so viel toller vorher, dass ich das einfach nicht sehen wollte.“ Lindbergh hat jetzt Hunger. Das ist nichts Ungewöhnliches bei ihm. Er isst gern und nicht wenig, und wenn er keine Kamera in der Hand hält oder kein Foto, dann ist es oft etwas Essbares. Zurück in den Range Rover, den Berg wieder hinunter zu einem Strandlokal. Der kalte Wind wird nun begleitet von dunklen Wolken. Lindbergh möchte trotzdem draußen sitzen. Die Erkältung macht ihm zu schaffen. Alle zehn Minuten putzt er sich mit einem grünen Stofftaschentuch die Nase. Hinter ihm schlagen drei ältere Ehepaare aus Deutschland den Nachmittag tot. Die Männer tragen modische Sommerschals und prahlen, wie weit sie mit ihren Autos auf der Autobahn im vergangenen Jahr gefahren sind. In Führung liegt Hamburg–Tessin, zehn Stunden. Die Frauen reden über ihre Haare. Es gibt unterschiedliche Pflegerezepte, Einigkeit besteht schließlich über den französischen Luxusgüterhersteller Hermès. „Das Beste überhaupt.“ Vor allem die Gürtel mit dem goldenen H. Lindbergh seufzt ein wenig. Die Welt, gegen die er seit Jahrzehnten mit seinen Fotos rebelliert, dieser Kosmos aus Mode und Status, der ihn aber auch finanziert, dieses Konglomerat, es holt ihn immer wieder ein, oft auf primitive Art. Selbst am Strand der ehemaligen Hippie-Insel Ibiza. Er ist ein Kriegskind, geboren in Lissa, Polen. Drei Monate war er alt, als die Familie, sie hießen Brodbeck, flüchten musste, bei großer Kälte mit einem zweirädrigen Wagen und einem Pferd. Peter hatte es warm an der Brust der Mutter. Sie nahm ihm die Angst – ein Zustand, der anscheinend nun schon 72 Jahre andauert. In Duisburg blieb die Familie hängen. Bei Lekkerland fand der Vater einen Job als Vertreter für Süßigkeiten. Die Mutter hielt die 80-Quadratmeter-Behausung sauber, kümmerte sich um die drei Kinder, träumte manchmal. Von Mode, die sie nach Mustern aus Zeitschriften nähte und im Café um die Ecke vorführte. Von der Scala in Mailand, wo sie Opern singen würde. Der Vater nannte sie „Ina Balla Balla“. Außer seiner Mutter waren Peter Brodbecks Helden die Kumpel, die abends mit dem Gesicht voller Kohlenstaub aus den Zechen kamen. Und die Schaufensterdekorateure von Karstadt in ihrem weißen Kittel und der engen Röhrenhose. „Wo ich herkam, hatte man nie einen Künstler gesehen“, sagt Lindbergh. „Die Jungs in den ~~Schaufenstern,~~ das war für mich die Kulturspitze der Avantgarde.“ > Lindbergh wurde zum Che Guevara der Modefotografie. Er befreite die Objekte. Nach einer Lehre in den Auslagen von Karstadt Duisburg begann er ein Leben auf der Landstraße. Mit 80 Mark in der Tasche trampte er nach Arles in Südfrank- reich. Dort hatte sein neuestes Idol, der Maler Vincent van Gogh, einmal gelebt. Er blieb acht Monate, verdiente seinen Lebensunterhalt bei Bauern oder als Pflastermaler. Manchmal bettelte er auch. Als er wieder zu Hause bei seiner Schwester klingelte, hielt sie einen leeren Plastiksack durch den Türspalt. „Alles ausziehen, in die Tüte. Du bist so verdreckt, du kommst hier nur in der Unterhose herein“, sagte die Schwester. Er konnte gut zeichnen inzwischen, Englisch hatte er auf der Straße beim Trampen gelernt. In Krefeld bewarb er sich an der Werkkunstschule und wurde genommen: Brodbeck studierte freie Malerei. Es gefiel ihm, er war begabt und vernarrt in seine Mitstudentinnen. „Sommersprossen, Turnschuhe, kein Make-up – diese Mädchen wurden irgendwie mein Schönheitsideal“, sagt er. Bald gab die renommierte Galerie Hans Mayer in Düsseldorf dem jungen Maler eine Soloausstellung, aber das Aufkommen der Konzeptkunst stürzte ihn in eine erste Krise. Ein Dreivierteljahr lang rührte er keinen Pinsel mehr an. „Mein größter Horror ist, wenn etwas nicht wirklich aus einem selbst herauskommt“, sagt Lindbergh. „Die Verbindung zur Malerei war irgendwie weg.“ Die Rettung kam in Form einer Kamera. Er fotografierte die Kinder seines Bruders. Deren, wie er es nennt, „totale Unbekümmertheit“ gab ihm seine Intuition zurück. Ein Werbefotograf namens Hans Lux suchte einen Assistenten. Brodbeck bekam den Job. Er musste Pattex-Tuben und Autos und Haushaltskittel ablichten. „Alles, bis auf Orangensaft trinkende Familien“, sagt er. Weil es bereits einen Fotografen namens Brodbeck gab, nahm er den Namen Lindbergh an. Er machte sich selbstständig, fotografierte weiterhin alles bis auf Orangensaft, und als er mit seiner Frau eine Wohnung im vornehmen Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel einrichtete, fragte er sie, ob sie das eigentlich gut finde in Oberkassel. Seine Frau zögerte. „Wie wär’s mit Paris?“, fragte er weiter. Sie nickte leicht. Der Umzugswagen wurde schnell bestellt, obwohl, wie Lindbergh sagt, „keiner von uns besonders Französisch sprach“.Bald darauf fotografierte er ein Model in einem Café, das eine Zeitung hielt mit der Schlagzeile zum Jahrhundertflug über den Atlantik – „Lindbergh hits Paris“. Verzagtheit war nie seine ~~Art gewesen,~~ aber einmal in Paris, nahm er Fahrt auf, und zwar richtig. Die Modefotografie war eine ziemlich brave Angelegenheit damals. Bilder von appetitgezügelten Frauen, Objekten reicher Männer, die mit viel Geld dafür sorgten, dass diese Objekte existieren können, indem sie ihnen teure Dinge bezahlten: Kleider, Schuhe, Cremes, Koffer, Reisen. Status. Lindbergh wurde zum Che Guevara der Modefotografie. Er befreite die Objekte. Er kämpfte sich vor – bis er nach 15 Jahren in der Hauptzentrale der Macht ankam, der amerikanischen „Vogue“. Er blieb bei seinem Frauenbild, den Kunststudentinnen von Krefeld. Keine Objekte, keine Kompromisse. Lieber in der Schublade verschwinden, als ein mieses Foto gedruckt zu bekommen. Der kalte Wind bläst noch immer im Strandlokal. Den in Hermès gepackten Rentnern am Nebentisch ist endgültig der Gesprächsstoff ausgegangen. Gewonnen hat einer, der mit seinem Mercedes die 1800 Kilometer Ahrensburg–Barcelona quasi nonstop fuhr mit nur zwei Unterbrechungen zum Tanken. „Die Frau kein einziges Mal ans Steuer gelassen.“ Die Rentner zahlen. Es dauert, weil sie wegen der hohen Rechnung einen Streit beginnen. Lindbergh rattert den Berg wieder hinauf. Gleich kommen seine Assistenten und drei seiner vier Söhne, es wird eine lange Tafel im Garten geben, bevor es morgen früh weitergeht nach Moskau. Auch an der Tafel ist sie wieder, die herzliche, zugewandte Lindbergh-Stimmung. Im T-Shirt mit dünner Jacke bei acht Grad. Immer alles geben. Immer im Jetzt. Der Schnupfen ist nun wieder weg. Zum Aperitif schaut noch der Nachbar vorbei, ein Franzose, der vor Jahren einmal mit Linda Evangelista verheiratet war, was sich anscheinend als Fehler erwies. Dem Mann haftet eine gewisse Melancholie an, und wenn die Rede auf die Glamourindustrie kommt, verzieht er das Gesicht. „Man kann nicht mit einem Model verheiratet sein“, sagt Lindbergh, als sein Nachbar wieder ~~weg ist.~~ Er selbst sei zwar in jedes seiner Models verliebt, aber nur von neun bis fünf Uhr. Verheiratet ist er in zweiter Ehe mit einer grundsoliden Kölnerin, die eine Restaurantküche in Goa leitete, als Lindbergh sie kennenlernte. Beziehungen mit Models hätten eine eher kurze Halbwertszeit. Als Evangelista später mit dem Schauspieler Kyle MacLachlan zusammen war, hat Lindbergh sie ein paarmal in Los Angeles besucht. Beim ersten Mal seien die beiden sehr verliebt gewesen. Beim zweiten Mal beschwerte sich Evangelista, dass Kyle den Tisch noch nicht gedeckt habe. Beim dritten fauchte sie, Kyle, wo sind meine Zigaretten, verdammt noch mal. „Models“, sagt Lindbergh mit der Gelassenheit eines heiteren Veteranen, „sie kommen drei Stunden zu spät, und die Welt trägt ihnen trotzdem noch alles hinterher. Was will man anderes erwarten?“