Bauchgefühle

A conversation with Charlotte Rampling, May 2017 (Germany)


CHARLOTTE RAMPLING UN PETER LINDBERGH ÜBER DIE KUNST, MIT DER KAMERA SEELEN EINZUFANGEN. Ein VOGUE-Gespräch mit Peter Lindbergh und Charlotte Rampling führt mitten in die aufregendste Zeit der Nachkriegsavantgarde, als eine junge Generation mit ihrer unbequemen Lebendigkeit alle Kunstformen stürmte. Charlotte Rampling wurde 1974 durch Liliana Cavanis Der Nachtportier auf einen Schlag berühmt. Sie spielte darin eine KZ-Überlebende, die ein sadomasochistisches Verhältnis mit ihrem früheren Peiniger aus dem Lager beginnt. Auch mit Fotografen ließ sich die Britin immer wieder auf riskante Projekte ein, was sie nicht zuletzt zum Lieblingsmodel Peter Lindberghs machte. Auf seinem Feldzug gegen eine allzu schläfrig elegante Modefotografie wurde sie zu seiner engen Komplizin. Für das VOGUE-Gespräch hat der Fotograf sie in sein Pariser Studio zum Tee eingeladen, obwohl dort kein Fleck mehr frei ist fürs Geschirr. Auf allen Stühlen und Tischen liegen akkurat geschichtete Fotostapel, markiert von Notizzetteln mit Lindberghs schwungvoller Schrift. Charlotte Rampling bewegt sich in dem von Projekten übersäten Gelände so mühelos wie auf einem Filmset mit tausend Kabeln. Dann greift sie nach einem Schriftstück und liest vor: CHARLOTTE RAMPLING: „Eine Schönheit, die von Individualität erzählt...“ PETER LINDBERGH: Das war mein Statement für den Pirelli-Kalender, den ich unlängst gemacht habe. Wie definiert man Schönheit? Ich war gerade zwei Wochen lang bei den Maharishi-Anhängern meditieren. Die Meister sagen, du bist schön, wenn die göttliche Mutter dich durchströmt und mit ihrem Wissen beseelt. Das spiegelt sich in deinem Gesicht. Man sollte Schönheit nicht zu eng sehen. CHARLOTTE RAMPLING: Gilt das für dich selbst oder für andere? PETER LINDBERGH: Auch für mich. Ich versuche, nicht zu viel in den Spiegel zu blicken. CHARLOTTE RAMPLING: Aber du bist schön! PETER LINDBERGH: Du bist die Einzige, die das sagt. Wir sollten uns öfter treffen, Charlotte. CHARLOTTE RAMPLING: Schauspielen ist auch eine Art von Meditation. Sie sorgt dafür, dass das eigene Denken immer langsamer wird, bis keine Gedanken mehr da sind. So ein Raum muss sich auftun, damit beim Schauspielen etwas passiert und man ein anderer Mensch wird oder anders denkt und handelt, als man es gewohnt ist. PETER LINDBERGH: Man muss sich selbst finden. Das versuche ich seit 40 Jahren. CHARLOTTE RAMPLING: Für mich geht es darum, in einen Zustand des Nichtwissens zu geraten. Gerade wenn du etwas unbewusst tust, bist du ganz bei dir, und kein anderer könnte es so machen. Wenn wir die Kontrolle abgeben, fangen Dinge an zu passieren. Nicht jeder kann das, aber in unseren Berufen haben wir die Möglichkeit dazu. Kreativität ist die größte Gabe überhaupt, sie erlaubt es uns, ins Unbekannte aufzubrechen. Merkst du das nicht auch beim Fotografieren? PETER LINDBERGH: Das passiert immer wieder. Für den Pirelli-Kalender sollten wir 40 Bilder machen, es wurden 37000. Und 18 000 haben wir archiviert. Es waren so viele tolle dabei. CHARLOTTE RAMPLING: Als ich Anfang der 70er Jahre Der Nacht- portier gedreht habe, ist auch eine Menge passiert. Ich hatte keine Ahnung, dass man so eine Art Film machen kann und dass ich dabei sein werde. Ich war damals 27 und hatte noch nicht viel von den großartigen Avantgardefilmern gesehen, die es damals gab. Kulturell öffneten sich auf allen Ebenen neue Möglichkeiten. Und für mich war dieser Film ein Schnellstart in eine waghalsigere Form der Schauspielerei. Ich bin immer sehr offen für Neues gewesen. Ich habe mich ins Unbekannte hineinbegeben und war sicher, dass ich damit umgehen kann oder es zumindest, verdammt noch mal, versuchen werde. PETER LINDBERGH: Du bist ein Kind der experimentellen 60er. CHARLOTTE RAMPLING: Experimentell ist ein gutes Wort. Wir haben ständig ausprobiert. Manchmal haben wir es hingekriegt, manchmal vermasselt, aber wir hatten Zeit zum Experimentieren. PETER LINDBERGH: Ich war auf der Kunsthochschule und wollte unbedingt Künstler werden. Mit 15 hatte ich als Schaufensterdekorateur angefangen. In Duisburg, wo ich herkomme, war das der coolste Beruf überhaupt. CHARLOTTE RAMPLING: Du als Dekorateur, der Schaufensterpuppen anzieht, das ist unglaublich! PETER LINDBERGH: Wenn man etwas mehr ästhetischen Sinn hatte, kam man in die Modeabteilung. Sie haben mich auf einen Stuhl gesetzt und mir die Regeln erklärt: Nie Blau und Grün zusammen dekorieren. CHARLOTTE RAMPLING: „Never use black and green except on the back of a Russian queen“ – das haben wir gelernt. PETER LINDBERGH: Genau! Ich war nur ein Lehrling, aber mir gefielen Blau und Grün gut zusammen. ~~Also habe~~ ich Schuhe und einen kleinen Schal in diesen Farben kombiniert. Es war keine große Revolution, und die Erde drehte sich nicht schneller. Aber für mich war es ein großer Moment. – Glaubst du denn an Zufall? Ich nicht. >„Man muss sich SELBST FINDEN. Dasseit 40 Jahren“ – PETER LINDBERGH CHARLOTTE RAMPLING: Man muss erkennen, ob man etwas wirklich will, und dann zugreifen. Manche Augenblicke haben mehr Potential als andere, das erleichtert einem die Entscheidung. Das ist ein großes Thema: die richtige Wahl zu treffen. Oft handelt man zu impulsiv. PETER LINDBERGH: Es gibt Leute, die behaupten, dass sie nie Glück haben. Aber man muss Gelegenheiten herbeiführen. Das lernt man auch beim Meditieren: Die Kreativität ist immer da, irgendwo in deinem Bauch, wie eine Ursuppe. Es gibt keine kreativen und unkreativen Menschen, es gibt nur mehr oder weniger Zutritt zur eigenen Kreativität. CHARLOTTE RAMPLING: ...zu deinem Potential. Wir alle besitzen Reichtümer. PETER LINDBERGH: Bei Schauspielern ist es doch das Gleiche: Du bringst deine Kreativität in die Rolle ein, so wie ich meine in ein Projekt. Models sind im Großen und Ganzen weniger komplex als Schauspieler. Die wollen in die Kamera schauen. In Schauspielerinnen ist mehr zu entdecken, und sie sehen nicht in die Kamera. Sie haben gelernt die Kamera zu vergessen. CHARLOTTE RAMPLING: Das sollen wir wirklich nicht – wenn du aus Versehen in die Kamera guckst, löst sich alles auf. PETER LINDBERGH: „Charlotte, was fällt dir ein!“ Wenn dich als Schauspielerin jemand dazu zwingt, ist das wie eine Vergewaltigung. CHARLOTTE RAMPLING: Ich finde das überhaupt sehr beängstigend, wenn Leute einen ansehen. Wenn du mit ihnen sprichst, und sie starren dich an: Das kann sehr bedrohlich sein. Damit kann ich nicht umgehen. Deshalb schaue ich immer leicht zu Boden. PETER LINDBERGH: Du hast gesagt, dass ich einigermaßen vernünftig aussehe. Woher weißt du das denn, wenn du mich nie ansiehst? Du hast also nur von meinen Füßen gesprochen? CHARLOTTE RAMPLING: Du hast abgenommen. Als wir diesen Film über mich, The Look, gedreht haben, in dem du vorkommst, warst du viel dicker. PETER LINDBERGH: Ja, da war ich gerade aus dem Urlaub gekommen und habe 122 Kilo gewogen. Aber um auf die Kreativität zurückzukommen: Es gibt Menschen, die von innen arbeiten, das sind Seher. Andere Menschen schauen sich um, und dann entscheiden sie sich für die eine oder andere Sache. Auch das kann sie weit bringen, aber sie werden nie unglaublich gut sein. Der Ursprung dieser Quelle im Innern und die Identität der eigenen Kreativität interessieren mich im Moment mehr als alles andere. CHARLOTTE RAMPLING: Der Geist eines Menschen bleibt immer gleich, er ist unabhängig vom physischen Körper. Der Seher ist ihm wahrscheinlich sehr nahe. Der Geist ist das Machtvollste, was es gibt. PETER LINDBERGH: Genau das meine ich. CHARLOTTE RAMPLING: Viele Menschen wissen gar nicht, wovon wir sprechen, weil sie diesen Geist nicht kultiviert haben. Sie haben ihm nie zugehört und hatten keine Möglichkeit, ihn fruchtbar zu machen. Manchmal gehen sie dann in eine Kirche und fühlen plötzlich eine beängstigende Intensität. Das ist einfach ihr Geist, der von der Orgel oder den Ritualen wiederbelebt wird. Es braucht nur einen Moment, in dem man sich auf etwas Schönes, Außergewöhnliches einlässt. PETER LINDBERGH: Dabei haben wir, davon bin ich überzeugt, alle mehr oder weniger das Gleiche mitbekommen. CHARLOTTE RAMPLING: Es ist alles da. Aber man muss zu ihm durchdringen. Das ist unsere Reise, wir müssen es finden. Es geht darum, dass der physische Körper dem spirituellen gleich wird. Doch das ist ein Riesenabenteuer, man muss es schon wollen. PETER LINDBERGH: Die meisten wehren sich dagegen wie eine Ziege am Strick. Meine Mutter ist schon mit 44 an Krebs gestor- ben, und ich glaube, ich weiß, warum. Sie wollte einfach nicht mehr an diesem Ort auf der Welt sein. Mit mir hatte auch ihr jüngster Sohn das Haus verlassen, und sie wusste, dass sie für den Rest ihres Lebens in Duisburg bleiben und nie die Orte kennenlernen würde, von denen sie träumte. CHARLOTTE RAMPLING: Hat sie dir von ihren Träumen erzählt? Peter Lindbergh: Nein! Sie war immer nur für uns da. Wir lebten in einem 80-Quadratmeter-Haus, und das auf drei Etagen – deshalb fühle ich mich heute in meiner Pariser Wohnung mit diesen etwas sehr hohen Decken wie ein Prinz. Mit 40 fing meine Mutter an zu singen, Schubert, mit einer Altstimme. Sie war auf ein Zeitungsinserat eines amerikanischen Gesangslehrers für klassische Musik gestoßen. Mein Vater erklärte sie für ballaballa. Er war der liebste Mensch der Welt, nahm die Anstrengung meiner Mutter, einen Weg zu finden, sich auszudrücken, jedoch nicht wahr. Das Schlimmste für einen Menschen ist, nicht in seinen Möglichkeiten wahrgenommen zu werden. Aber der Lehrer nahm meine Mutter mit nach Köln zu einem internationalen Musikkolleg, wo sie einer Expertengruppe vorsingen sollte. Als sie aufhörte, herrschte Schweigen. Dann stand der leitende Professor auf und sagte: „Wenn Sie zehn Jahre früher zu uns gekommen wären, würden Sie heute Abend in der Scala singen.“ Und danach ging sie wieder zurück in ~~das kleine Haus,~~ wo keiner sie ernst nahm. CHARLOTTE RAMPLING: Mein Vater war Athlet. Er hat bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin in der 400-Meter-Staffel die Goldmedaille gewonnen. Und ich wusste nichts davon. Er hat nie über irgendetwas gesprochen. Er war nicht dumm, aber es fiel ihm sehr schwer zu kommunizieren. PETER LINDBERGH: War er zu stolz? CHARLOTTE RAMPLING: Nein, nicht stolz, eher verstört. Man hatte ihn mit sieben Jahren von seiner Familie getrennt und in ein Internat gesteckt. >„Man muss erkennen, ob man etwas wirklich will. Manche AUGENBLICKE haben mehr POTENTIAL als andere“ – Charlotte Rampling PETER LINDBERGH: Als man meinem Vater sagte, dass ich als Kind zu wild sei und er mich besser erziehen müsse, hat er mich öfter mit dem Teppichklopfer verhauen. Doch es ging ihm völlig gegen den Strich. Das hat mir selbst so leid getan, dass ich fast zum artigen Kind geworden wäre. Mein Vater hatte einen Bruder und sieben Schwestern. Er war wirklich ein warmer, herzlicher Mensch und hat mir nie Vorschriften gemacht, aber auch nicht ununterbrochen irgendwelche Dinge des Lebens erklärt. CHARLOTTE RAMPLING: Das war eine andere Generation. Man muss von anderen Leuten lernen, wie man Konversation macht, und als Kind dem Plaudern von Erwachsenen zuhören. PETER LINDBERGH: Vielleicht habe ich es in den zwei Jahren gelernt, in denen ich durch Europa getrampt bin. Acht Monate war ich in Arles, weil ich van Gogh für mich kennenlernen wollte. Von da bin ich durch Spanien und bis Marokko getrampt. CHARLOTTE RAMPLING: In Spanien hätten wir uns treffen können, da war ich auch. PETER LINDBERGH: Ich habe nur an Stränden geschlafen und bin an der Ostküste geblieben. Du kannst dir vorstellen, wie ich nach zwei Jahren ausgesehen habe. CHARLOTTE RAMPLING: Wie war dein Haar? Lockig? Peter Lindbergh: Lang vor allem. Ich habe ein Foto von mir gesehen. Ein italienischer Regisseur macht gerade einen Film über mein Leben, der hat es irgendwo aufgespürt. – Es ist wirklich zu dumm, dass ich dich noch nicht kannte, als du mit Woody Allen Stardust Memories gemacht hast. CHARLOTTE RAMPLING: Das war 1980. Er sagt: „Du siehst irgendwie interessant aus.“ Und ich: „Ja, weil ich interessant bin.“ PETER LINDBERGH: Der Moment, als du am Strand sitzt und Woody Allen vorbeikommt – in dieser Einstellung ist dein Gesicht unglaublich. Nachdem ich 40 Jahre lang alles Erdenkliche fotografiert habe, ist das für mich immer noch das schönste Gesicht. Und dann gibt es da noch Helmut Newtons Nacktfoto, das er von dir in einem Hotel in Arles gemacht hat. CHARLOTTE RAMPLING: Es hat fünf Minuten gedauert: „Setz dich auf den Tisch, und schau mich an.“ PETER LINDBERGH: Das war im „Nord Pinus“-Hotel. Vielleicht habe ich mich deshalb Jahre später in die Besitzerin verliebt. CHARLOTTE RAMPLING: Das ist nicht dein Ernst? PETER LINDBERGH: Doch, die alte Besitzerin starb und vererbte es an meine spätere Freundin. Es war ein berühmtes Hotel, in dem Picasso und viele andere Künstler wohnten, wenn sie zum Stierkampf kamen. Hat Helmut dich in das Hotel gelockt, oder hast du da gewohnt? CHARLOTTE RAMPLING: Wir hatten in Arles ein Modeshooting für die britische VOGUE. Danach sage er, dass es in Arles dieses phantastische Hotel gebe. Ob ich Lust hätte zu experimentieren und ein paar Nacktfotos zu produzieren? „Ach, du machst gern Nacktfotos?“, habe ich gefragt. „Eigentlich nicht“, hat Helmut gemeint, das war vor seiner großen Zeit. „Was stellst du dir denn vor?“, wollte ich wissen. Helmut sagte: „Ich weiß nicht, lass es uns einfach versuchen.“ PETER LINDBERGH: Das kann ich verstehen. Ich weiß auch nie, wie ich es sagen soll: „Sag mal, könntest du vielleicht mal diese Bluse ausziehen?“ Jetzt lerne ich gerade, dass es besser gewesen wäre, wenn ich gerufen hätte: „Magst du experimentieren, Baby?“ CHARLOTTE RAMPLING: Dann gehen all deine Strandaufnahmen auf den Woody-Allen-Film zurück? PETER LINDBERGH: Ich liebe den Strand. [Er zeigt auf eine Studio- wand, die voll von großen Abzügen seiner Strandfotografie hängt.] CHARLOTTE RAMPLING: Ja, der frische Wind bringt einen großen Atem hinein, der dich plötzlich sehr lebendig macht. Und das Licht ist so schön, mit all den Reflexionen. Und was ist das da an der Wand gegenüber? Es sieht aus wie aus Charlie Chaplins Modern Times. PETER LINDBERGH: Das war die erste Comme-des-Garçons-Kampagne Anfang der 1980er Jahre. Es fing sehr schwierig an. Man hatte mich in ein Pariser Hotel bestellt, wo mich 20 kleine Japanerinnen in schwarzen Kleidern erwarteten. Ich wurde Rei Kawakubo vorgestellt, die mich auf Japanisch ansprach. „Sie sind ihr Lieblingsfotograf“, berichtete mir die Übersetzerin. „Hm“, dachte ich, ich hatte wirklich keine Ahnung, worum es bei diesem ~~Label ging.~~ Ich erkundigte mich, was für Bilder sie sich denn vorstelle. „Sie haben völlige Freiheit zu tun, was Sie wollen“, erklärte die Übersetzerin. Das ist natürlich das Allerschwerste, wenn man keine Ahnung hat, was das für Kleider sind. Als ich die Kollektion dann vor mir sah, wurde mir allerdings klar, dass Rei Kawakubo die wohl avantgardistischste Designerin der Welt war. Also habe ich mich bedankt und die verrückteste Maschine der Welt aufgespürt, dieses gigantische Zahnrad in Reims. >"Es gibt Leute, die behaupten, dass sie nie GLÜCK haben. Aber man muss GELEGENHEITEN herbeiführen“ – Peter Lindbergh CHARLOTTE RAMPLING: Die Models tragen fast eine Uniform. PETER LINDBERGH: Genau, ich dachte, die sehen aus wie die Wächter einer imaginären zweiten Kulturrevolution in China, und ein spektakulärer industrieller Hintergrund wäre genau das Richtige. Mit dieser Kampagne fing die ganze Comme-des-Garçons-Saga an. CHARLOTTE RAMPLING: Ich bin in den 60er Jahren zur Yves-Saint-Laurent-Frau geworden. Ich fand seine Kleider einfach phantastisch, diese extralangen Hosen, die Seidenblusen und natürlich der Smoking, den habe ich bei ihm entdeckt und seither getragen. PETER LINDBERGH: Hat Helmut ...? Charlotte Rampling: Ja, Helmut Newton hat ihn mir ausgezogen. Aber egal, danach haben wir mich wieder hineingesteckt. PETER LINDBERGH: „Mir gefällt dein Smoking. Zieh ihn aus.“ CHARLOTTE RAMPLING: Ich habe Yves Saint Laurent während meines ersten Modeshootings in Paris getragen. Er hatte gerade seine Firma gegründet. Und jetzt fällt mir auch der Fotograf ein: Jeanloup Sieff. Halt dir die Ohren zu. PETER LINDBERGH: Aber nein, ich war mit ihm befreundet! CHARLOTTE RAMPLING: Umso besser. Er hat wunderbare Bilder von mir in Saint Laurent gemacht. Damals begann ich zu ahnen, was mein Look sein könnte. Die Kleider fühlten sich exakt richtig an. Es hatte wohl mit ihrer Androgynität zu tun. Weißt du noch, dass wir unser erstes Shooting in dieser alten Fabrik gemacht haben? Das Licht kam durch große Fenster herein und hat starke Schattenlinien erzeugt. PETER LINDBERGH: Warte, ich habe sie hier irgendwo... CHARLOTTE RAMPLING: Du hast mir Fotos von mir geschenkt, das hat kein anderer Fotograf gemacht. Ich habe sie immer noch, eins davon hängt in meiner Küche. Das Nacktfoto hier ist ziemlich ikonisch geworden. Aber weißt du, was ich bei keinem anderen Fotografen finde? Die Dimension, die die Augen der Fotografierten bei dir haben. Du fängst wirklich die Seele ein. PETER LINDBERGH: Ich liebe es, Frauen in die Augen zu sehen. Wenn du gegangen bist, dann setze ich mich hin und schaue mir noch einmal die Strandszene in Stardust Memories an. Das Gespräch wurde von Ingeborg Harms moderiert.