Der Diven-Macher

by Martin Zips, November 2014


DASS MÄDCHEN VOM GLAMOURÖSEN LEBEN TRÄUMEN, IST AUCH SEINER KUNST ZU VERDANKEN: EIN GEBURTSTAGSBESUCH BEI PETER LINDBERGH, DEM „SUPERMODEL“-ERFINDER AUS DEM RUHRPOTT „Glamourös?“, fragt der Fotograf. „Neeee, glamourös is’ mein Leben nun wirklich nich’.“ Dann zieht er einen Mont-Blanc-Füller aus seinem Jeanshemd und rührt damit die Milch in den Kaffee. Paris, eine kleine, von Touristen kaum frequentierte Parallelstraße zur Seine, zwischen Notre Dame und Pont Neuf. Hier ist ein Stückchen echtes deutsches Ruhrgebiet zu Hause. Im Innenhof, hinter einer grünen Tür mit fünfstelligem Code steht ein großer bärtiger Mann mit Brille und sagt: „Watt is’ das überhaupt, glamourös? Dat heißt ja noch lange nich’ glücklich“. Peter Lindbergh, der an diesem Sonntag 70 Jahre alt wird, gilt als einer der bedeutendsten Fotografen unserer Zeit. Er, der früher bei Karstadt Schaufenster mit Damenwäsche dekorierte und in einem Kaff bei Duisburg aufgewachsen ist, hat in den 1990er-Jahren die Modefotografie neu erfunden. Selbstbewusste Frauen, die lachend in weißen Hemdchen über den Strand hüpfen, wie Katzen nackt und unnahbar am Boden kauern oder mit hohen Wangenknochen kühl und stolz durch Brooklyn stiefeln – das hatte es vorher so noch nicht gegeben. „Mich hat immer gestört, dass Frauen in der Modefotografie damals nichts anderes waren als Kleiderständer“, sagt er. „Das wollte ich ändern.“ Seine Models inszeniert Lindbergh als Persönlichkeiten. Zum Beispiel in dem Dokumentarfilm, den er vor 23 Jahren mit den damals noch recht unbekannten Models Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Linda Evangelista, Stephanie Seymour und Cindy Crawford drehte. Im Film nennt er diese Frauen „Supermodels“. Lindbergh sagt: „Damit wollte ich die von anderen Frauen abgrenzen.“ Sein Begriff machte Karriere, veränderte sich, wurde zur inflationär gebrauchten Sehnsuchtsvokabel für alle Mädchen, die sich nach Glamour sehnen. Man könnte auch sagen: Der Begriff verklumte. Die Küche. Ausgesprochen wichtig im Hause Lindbergh. An der Wand: Einkaufszettel, fröhliche Familienfotos, auch mit Tina Turner („die hat uns mal zu sich nach Hause eingeladen“), Dankesbriefe von Vogue-Chefin Anna Wintour. Sie gehört zu den großen Förderern Lindberghs, hob seine Bilder immer wieder aufs Titelbild. „Du bist aber jetzt aber nicht wegen Namedropping hier, neee?“ Im Gewühl am Tisch: eine der von Lindbergh am liebsten verwendeten Nikon-Kleinbildkameras. „Heute fotografiere ich natürlich digital.“Schräg gegenüber des Gasherds hängt eines seiner berühmtesten Fotos. Eines der wenigen, auf denen keine Frau zu sehen ist, sondern das faltige Gesicht von Stones-Gitarrist Keith Richards. Das selbstbewusste Lachen eines Rock-Opas, dessen Rente stimmt. Auch Lindbergh sagt, er könne sich nicht beklagen. Sein Keith-Richards-Triptychon wechselte kürzlich in London für 150 000 Dollar den Besitzer. Der Fotograf kratzt sich und warnt vor Stahlträgern. „Hau dir bloß den Kopf nicht an. Alles ein bisschen Eiffelturm hier.“ Und übrigens: „Ein paar Meter weiter hatte Picasso sein Atelier.“ Es ist eine fröhliche Melange aus Curry- wurst und Kaviar, in der man sich jetzt hier befindet. Bodenständig, irgendwie vertraut und fremd zugleich. Gerade erst sei die Schauspielerin Charlotte Rampling hier zu Gast gewesen, erzählt Lindbergh. Auch Naomi Campbell und Jean Reno schauen bei ihm vorbei. Im Wohnzimmer sitzt Lindberghs zweite Ehefrau, Petra. Freundlich und gar nicht modelhaft. Peter und Petra haben sich auf Goa kennengelernt, Petra arbeitete dort als Hotelköchin. Wie gesagt: Küche ist was ganz Zentrales im Hause Lindbergh. Essen und sprechen, so macht er es ja auch manchmal während seiner Shootings. „Da lernt man die Leute besser kennen. Ich mag nicht, wenn die mir vor der Kamera etwas vorspielen.“ Die Hausangestellte serviert nun Tee im Arbeitszimmer. Auch sehr geschmackvolle Kekse, hart wie EiffelturmTräger. Lindbergh zieht ein Bündel alter Polaroids aus einem seiner Fotokästen, von denen es in seinem Büro Tausende gibt. Nein, schau doch mal, die halbnackte Carla Bruni! Die Sarkozys, das sind auch gute Bekannte. Ebenso wie sein bester Freund, Wim Wenders, „wir sind ja nur wenige Kilometer entfernt voneinander aufgewachsen.“ Jetzt prasseln die Namen nur so, ganz von selbst. „Aber glamourös is’ das alles nich’.“ Hinter Lindbergh hängt das Filmplakat von Pedro Almodóvars „Sprich mit ihr“. Auch das dort verwendete Foto stammt von ihm. Eitel ist er jedenfalls wirklich nicht. Härchen wachsen ihm aus der Wange, die Brille scheint bald über den Nasen-Schanzentisch zu rutschen. >„Foddos, Kumpels, irre, suppa, guck’ ma, wischiwaschi.“ Wer Lindberghs Welt verstehen will, der braucht ein Ticket in die Vergangenheit. Zum Beispiel das Album, das der Fotograf jetzt aus einer weiteren Schublade zieht. Sehr klein, nur mit ein paar Fotos aus der Kindheit. Zum Beispiel Lindberghs Eltern Katharina und Werner, auf ausgebauten Opel-Sitzen am Strand ruhend. Auch Lindbergh selbst, auf einem Abschlussball stocksteif und mit Pickeln im Gesicht. Oder im Garten auf einer Liege, zusammen mit seiner ersten Freundin, einer Versicherungsangestellten. Daneben immer: Ort und Jahreszahl, hauchdünn mit Bleistift notiert. Insgesamt umfasst das Album 40 bis 50 Bilder – nicht viel, für die ersten zwei Jahrzehnte Leben. Doch nur wenige Fotos zeigen Lindberghs Mutter. „Aus der hätte echt eine große Opernsängerin werden können“, sagt er. „Sie hätte gerne ein glamouröseres Leben gelebt.“ Aber die Zeiten, sie waren nicht so. Flucht und Vertreibung aus dem Wartheland (heute Polen), Neuanfang in Duisburg-Rheinhausen, drei Kinder, sie hatte eine Chance zum Vorsingen, doch die Professoren sagten: „Zehn Jahre zu spät“. Vater Werner, Vertreter für Süßwaren, hielt eh nichts davon. Er nannte sie „Ina Ballaballa“. Fünfzigerjahre halt. Mit 44 starb Lindberghs Mutter an Krebs. Auf den Rheinwiesen schaute Peter seinem Onkel gerne beim Schafehüten zu. „Gegenüber war alles zugebaut mit riesigen Industrieanlagen. Wie moderne Schlösser und Burgen. Aber grau.“ Diese Optik entdeckt man heute noch auf vielen seiner Schwarz-Weiß-Bilder. Die Jazzband, in der er trommelte, probte in einem Sarglager. „Manchmal halfen wir den Bestattern noch, die Toten in die Kiste zu tragen, damit wir schneller loslegen konnten.“ Er spielte gerne Handball und trampte durch Spanien und Marokko. Schließlich wurde er an der Krefelder Werkkunstschule genommen, studierte freie Malerei. Als er 27 war, bat ihn sein Bruder, er möge sich doch eine Kamera kaufen: „Mach doch mal ein paar Bilder von meinen Kindern.“ Wenig später ließ er sich von einem Fotografen in Düsseldorf als Assistent einstellen – „ohne zu wissen, was ein Assistent überhaupt macht“. Damals hieß Peter Lindbergh noch Peter Brodbeck. Den Nachnamen legte er nur deshalb ab, weil es am Rhein schon einen anderen Fotografen mit dem Namen gab, der nicht den besten Ruf hatte. Über Willy Fleckhaus, Artdirektor des Kultmagazins Twen, kam er in den Siebziger Jahren schließlich zum Stern. Plötzlich klopften Vogue, Harper’s Bazaar, Rolling Stone und Vanity Fair bei ihm an. Auch Marie Claire winkte mit einer guten Gage. Lindbergh entschloss sich, in die Stadt der Mode zu ziehen, nach Paris. „Als ich dort angekommen war, wurde mir bewusst, dass ich kein Wort Französisch kann.“ Nun steht sein Sohn Jérémy mit Baskenmütze und Baguette bei ihm im Wohnzimmer. Bei Lindberghs wird daheim Französisch gesprochen. Jérémy ist gerade mit der Familie aus der Bretagne zu Besuch. Er trifft seine Brüder Simon und Benjamin, alles Jungs aus Lindberghs erster Ehe. An der Tür zwischen Wohnzimmer und Küche hängt ein Plakat für Lindberghs jüngsten Sohn: „DEUTSCH SPRECHEN mit Joseph!“ Wobei sich Lindberghs Deutsch eher so anhört: „Foddos, Kumpels, irre, suppa, guck’ ma, wischiwaschi, jetzt hör’ auf mit dem Gesabbel.“ Komisch, dass man jetzt an Gerhard Schröder denken muss. Den hat Lindbergh auch einmal fotografiert, vier Stunden, im Auftrag einer Illustrierten. Später haben die zuständigen Redakteure nicht nur das Foto gedruckt, sondern auch druntergeschrieben, was die Klamotten so kosten, die der Kanzler beim Shooting trug. „Das war eine schwachsinnige Idee von denen. Danach war Schröder nur noch der Kaschmir-Kanzler“, erzählt Lindbergh. Großer Imageschaden für den Sozialdemokraten und für Lindbergh vor allem deshalb traurig, weil Schröder – anders als angekündigt – ihn dann doch nicht mehr besucht hat. Man hätte so gut miteinander essen gehen können. Lindberghs zentrale These: Wie es läuft, ist letztlich eine Frage von Zufällen. Eineinhalb Jahre lang hat er gerade auf einen Termin mit einem zum Tode verurteilten Häftling in den USA hingearbeitet. Am Ende hatte sich Kindsmörder Elmer Carroll dazu bereit erklärt, 38 Minuten lang in Lindberghs hochauflösende Filmkamera zu starren. Er durfte dabei nicht sprechen, sich nicht bewegen, einfach nur schauen. Lindbergh reizte die Frage, ob man einem Mörder das Böse auch ansieht. Sein Ergebnis: „Letztlich ist das doch nur eine Frage des Glücks, ob das Böse bei dir ausbricht.“ Sein Film soll Teil einer Museumsinstallation werden. Lindbergh hatte großes Glück. „Ich darf heute den Diva-Traum meiner Mutter leben.“ Er fotografierte und fotografiert für Prada, Calvin Klein, Donna Karan, Jil Sander, Karl Lagerfeld und Giorgio Armani. Gerade kommt er aus L.A. zurück. Dort hat er Pharrell Williams abgelichtet. Als Modefotograf war Lindbergh schon früh in Paris so bekannt, dass der Figaro in einem Text, der die Lebensgeschichte des Atlantikfliegers Charles Lindbergh erzählen sollte, immer nur von Peter Lindbergh schrieb. >„Da bleib ich lieber im Hotel und lese was über Geopolitik.“ Sein Foto mit den Supermodels in weissen Hemdchen hat die Vogue kürzlich zum besten Bild der Neunzigerjahre gekürt. Weltweit zeigen Museen und Galerien seine Werke – bei Gagosian in Paris erzielte eine weite- re seiner vielen Arbeiten erst vor wenigen Tagen mehr als 100 000 Euro. Alle Original-Negative lagern unten im Büro. Bei konstant 18,9 Grad in der Kühlkammer, hinter einer dicken Tür. Aber letztlich, den Vorwurf kennt Lindbergh natürlich, befeuere er auch nur ein Frauenbild, das für Schlankheitswahn steht, Bulimie, Botox und Brust-OPs. „Klar denke ich drüber nach, die Schönheit einer Person kann nur durch Identität mit sich selbst zum Vorschein kommen. Deshalb bin ich entschieden gegen dieses zusammenretuschierte Frauenbild und unterstütze es auch nicht.“ In seinen Büchern mischt er gerne auch reifere Frauen wie Jeanne Moreau oder Geraldine Chaplin unter die frühen Cate Blanchetts, Amber Vallettas, Juliette Binoches, Monica Belluccis, Tilda Swintons und Audrey Tautous. Oder er lädt – wie 2011 in Peking – zu einer Ufo-Ausstellung, in der er die Ästhetik der Außerirdischen-Comics und Filme aus den Sechzigerjahren aufgreift. Er kann eben auch anders. Am Ende bleibt nur noch eine Frage: Funktioniert bei ihm die Trennung zwischen Beruf und Privatleben? Lindbergh rollt seine blauen Augen hinter seinen rhönradrunden Brillengläsern. „Nee, ich hatte nie ein Model als Girlfriend“, versichert er. „Und mit denen in den Club, dat is’ nicht meine Welt. Da bleib ich lieber im Hotel und lese was über Geopolitik.“ Er schaut auf ein Foto, das seine junge Mutter zeigt, mit ihm als Baby im Arm. „Weißt du, ich hab den Frauen oft gesagt, dass Liebe für mich vor allem eine geistige Sache ist. Das fanden die irgendwie gut.“ WIM WENDERS ÜBER PETER LINDBERGH „Wenn ich die Augen zumache und mir Peter Lindbergh vorstelle, sehe ich zuerst seinen freundlichen offenen Blick und sein strahlendes Lächeln vor mir. Und wenn ich dann die Augen öffne und ein Bild von ihm anschaue, egal welches, sehe ich genau diesen (unsichtbaren) Gegenschuss auf den Fotografen hinter jedem Bild hervorleuchten: optimistisch, neugierig, ehrlich. Kein Wunder, dass die wunderbaren Frauen in seinen Fotos ihm so viel Vertrauen entgegenbringen. Eben das investiert er auch in jedes Bild selber.“