Alles ist vergänglich

by Christian Mayer, February 2020 (Germany)


ALS MODEFOTOGRAF FEIERTE PETER LINDBERGH DIE SCHÖNHEIT. DOCH IN SEINEN SPÄTEN ARBEITEN ZEIGT SICH AUCH DER MELANCHOLIKER. SEINE BILDER STELLEN MENSCHEN DAR, DIE IHRE WÜRDE VERTEIDIGEN. Peter Lindbergh war ein zugewandter Künstler, ein Menschenfreund, der sich gerne auf andere einließ. Man spürt das vor allem, wenn man die Schwarz-Weiß-Fotos betrachtet, die ihm selbst in späteren Jahren wichtig erschienen - und die nun im Düsseldorfer Kunstpalast zu sehen sind. Erstaunlich viele dieser Arbeiten zeigen Motive, die in der Mode- und Konsumwelt eigentlich eher unerwünscht sind, weil sie nicht dem Idealbild von Schönheit entsprechen. Aber Lindbergh hielt sich schon lange nicht mehr an die Gesetze der Branche, die Menschen stets glatter, jünger und makelloser zu zeigen, als sie in Wahrheit sind. Ja, natürlich gibt es auch Porträts der Schauspielerin Milla Jovovich, die auf geradezu klassische Weise "schön" zu ~~nennen~~ sind, weil Lindbergh sie wie einen Stummfilmstar der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts in Szene setzt. Mit kühnem, kühlem Blick, Zigarette in der Hand, mit glänzenden Haaren und dunklen Lippen. Auch die Nahaufnahme von Claudia Schiffer (Foto oben) passt in diese Schaffensphase. Wobei der Fotograf hier auf die großen Gesten verzichtet und lieber auf Natürlichkeit setzt. Doch neben diesen bewährten Motiven schleicht sich bei Lindbergh immer stärker ein Gefühl für die Vergänglichkeit ein. ~~Damit~~ untergräbt er das, was seit den Achtzigerjahren eine goldene Regel der Modebranche war: die Herrschaft der Supermodels, die vor Jugendkraft und Sexappeal nur so strotzten und dabei auch noch gute Laune verbreiten sollten. Glamour, Champagnerfeste, das große Geld, das alles ließ sich mit spielerischer Leichtigkeit vereinbaren, war die Botschaft dieser Ära. >Die Frauen, die sich ihm vor der Kamera anvertrauen, offenbaren Lindbergh ihr Inneres. Manche wirken dabei entrückt und introvertiert, aber ganz bei sich. Die Models und Schauspielerinnen, mit denen Lindbergh in seinen späteren Jahren arbeitete, passen nicht so ganz in dieses Schema des hedonistischen Kapitalismus. Natürlich gehören sie noch immer zu einer Kunstwelt, sie sind Teil der Inszenierung, aber sie haben nicht mehr den kerzengeraden Gang, die gestählten und genormten Körper, das statuenhafte Ebenmaß. Manchmal fällt ein rätselhafter Schatten auf sie oder die Haut wirkt so, wie die Haut eben aussieht, wenn sie älter wird; ein wenig faltig, mit kleinen Unebenheiten. Die Frauen, die sich ihm vor der Kamera anvertrauen, offenbaren Lindbergh ihr Inneres. Manche wirken dabei entrückt und introvertiert, aber ganz bei sich. Das Leben hat Spuren hinterlassen, die man gar nicht wegwischen muss. Lindbergh zeigt hier keine anbetungswürdigen Hochglanzfiguren mehr, sondern Menschen, die ihre Würde verteidigen. Zuweilen ist das große Kunst, etwa wenn er die Schauspielerin Helen Mirren 2016 in London porträtiert: Diese Entschlossenheit, diese Gefasstheit einer Frau, die den Betrachter mit einem Blick geradezu festnagelt, lässt einen nicht kalt. Man kommt dieser Frau, die schon alles gesehen zu haben scheint, physisch unheimlich nahe. Zugleich bleibt ein Unbehagen, denn diese Helen Mirren könnte einem im nächsten Moment ja vielleicht ins Gesicht springen - oder ist das alles nur ein Spiel? Im gleichen Jahr fotografiert Lindbergh auch Charlotte Rampling: lässig, fast schon nachlässig auf einem alten Holzstuhl sitzend, wie Menschen eben sitzen, wenn keine Kamera in der Nähe ist. Es ist das Bildnis einer sehr lebendigen Frau, für die das Alter kein Feind ist. >Der heitere Melancholiker Peter Lindbergh ist also in dieser Ausstellung zu entdecken. Und wer mit seinem Namen nur die Porträtfotografie verbindet, stößt ebenfalls auf manche Überraschung. In den ~~gespenstisch~~ leeren Kulissen der Universal Studios in Hollywood, in den herbstlichen Parks von New York oder den Landschaften Nevadas findet Lindbergh stille Rückzugsräume jenseits der glamourösen Partys und Großstadtszenen, die er mit sicherem Gespür, aber deutlich routinierter festhält. Im Buch kann man die bewegende Rede nachlesen, die sein Freund, der Regisseur Wim Wenders, auf Lindberghs Trauerfeier im September 2019 in der Kirche Saint-Sulpice in Paris hielt. "Du hattest es in dir, andere mit deiner Sorglosigkeit anzustecken und sie mit hineinzunehmen in die Leichtigkeit des Seins", sagte Wenders. Auch andere Menschen, die Lindbergh begegnet sind, erzählen von seiner Fröhlichkeit, seinem Gleichmut. Lindbergh, der Zen-Meister der Fotografie, der es sogar schaffte, eine bis in die Haarspitzen kontrollierte Musikerin wie Helene Fischer recht entspannt aussehen zu lassen, hatte aber auch eine andere, etwas dunklere Seite. Er war sich der Begrenztheit des Seins, auch der Vergänglichkeit der Bilder sehr bewusst. Vielleicht wirken manche seiner späten Arbeiten deshalb auch so elegisch, so wie Aufnahmen von den letzten Stunden eines großartigen Fests, an das sich die Teilnehmer noch lange erinnern werden.